Brief an einige deutsche Bischöfe

Ihre Exzellenz, sehr geehrter Herr Bischof!

Der Presse ist zu entnehmen, daß Sie erneut auf den Heiligen Vater einwirken wollen, damit er die Genehmigung erteilt, Beratungsscheine zur Legitimation von Abtreibungen ausstellen zu dürfen.
Wie lange wollen Sie dieses unwürdige Spiel noch fortsetzen? Warum akzeptieren Sie nicht endlich die gute, vom Heiligen Geist getragene Entscheidung des Papstes? Warum halten Sie diese Frage in der Öffentlichkeit so lange am Kochen und fügen damit der Kirche Schaden zu? Fürchten die deutschen Bischöfe und andere Verantwortungsträger der Kirche die öffentliche Meinung so sehr, daß sie sich lieber der abwegigen Haltung von Staat und Gesellschaft anpassen, als der klaren, eindeutigen und richtigen Haltung des Papstes zu folgen? 

Wenn der Öffentlichkeit klar gemacht wird, daß die Beratung fortgesetzt, aber keine Bescheinigung mehr ausgestellt wird, gibt es sicher viele Beschuldigungen und Angriffe auf die Kirche, die aber nach einer gewissen Zeit von selbst aufhören weil ihnen der Nährboden entzogen ist. Man kann der Kirche nicht vorwerfen, daß sie sich damit der Verantwortung entzieht. Sie entzieht sich nicht der Verantwortung, sondern läßt sich nicht in Verantwortung für etwas nehmen, was sie nicht zu verantworten hat!
Eine ablehnende Haltung zum Schwangerschaftsabbruch und gleichzeitige Ausfertigung von Beratungsscheinen = Berechtigungsschein, Legitimation zum straffreien Schwangerschaftsabbruch, ist ein Widerspruch in sich! Wenn kath. Beratungsstellen als "Garanten des Lebensschutzes" hingestellt werden, ist es etwa so, als würde man den Frauen die Abtreibungspille mitgeben, ihnen aber vorher raten sie nicht zu nehmen. Das ganze ist nur ein bißchen umständlicher. Was für eine Garantie!


Sie wollen Leben retten indem Sie das Töten eben dieses Lebens ermöglichen? Wie sehr sind Sie schon in das Denken dieser säkularisierten Welt verstrickt wenn Sie das widersinnige dieser Geisteshaltung nicht erkennen.


Mit der Ausstellung des Scheins macht sich die Kirche mitschuldig. Sie hat zu verantworten was sie tut und nicht das was andere tun. Gott bietet seine Dienste an, er drängt sie nicht auf, ebenso sollte die Kirche handeln. Wenn die Frauen zu kirchlichen Beratungsstellen nur dann kommen, wenn ihnen der Schein ausgestellt wird und nicht, um sich gut beraten zu lassen und Hilfsangebote anzunehmen, liegt das in ihrer Entscheidung. Es mag sein, daß bei kirchlichen Beratungsstellen die Abtreibungsquote geringer ist (es gibt keine konkreten Angaben darüber; nur vage vermutete Zahlen, die nicht belegt sind). Vielleicht dient diese Behauptung nur als Deckmäntelchen, daß man den bequemen Weg gehen kann. Ich gehe davon aus, daß das Klientel, das gerade kirchliche Stellen in Anspruch nimmt, von der grundsätzlichen Einstellung ein anderes ist, und deshalb ist das Ergebnis weitgehend unabhängig davon ob die Beratungsstelle kirchlich oder staatlich ist.

Außerdem, haben Sie sich schon einmal gefragt wie viele Frauen gerade deshalb abtreibungsbereit sind, weil sie sich infolge des Mitwirkens der kath. Kirche des Unrechts ihres Tuns gar nicht bewußt sind? "Wenn die kath. Kirche die Legitimation erteilt (und nichts anderes tut sie mit der Ausstellung des Scheins), ja vehement darum kämpft und mit dem Papst ringt, sie erteilen zu dürfen, wird die Schuld nicht sehr schwerwiegend sein." Dieser fatale Eindruck muß doch durch das Verhalten der hohen kirchlichen Würdenträger entstehen.
Es wird nur noch von der Not? der Frauen geredet anstatt, wie es bei Kirchenvertretern angemessen wäre, von schwerer Sünde. Somit wird die Sünde verharmlost! Nicht der Papst fügt der Kirche Schaden zu, wie zu lesen ist, er fühlt sich zuerst dem Auftrag Christi, dem Evangelium verpflichtet und paßt sich den "Gebrochenheiten unserer Zeit" nicht an, sondern die, die zur Anpassung an diese Welt nicht das im Sinn haben "... was Gott will, sondern was die Menschen wollen" Mk 8,33. Durch Anpassung und mitmachen wird man nie etwas zum Guten, zum Besseren wenden! Er erträgt, so sehr er auch gegeißelt wird, was Jesus im Johannesevangelium ankündigt, Kap. 15,18 "Wenn die Welt euch haßt, dann wißt, daß sie mich schon vor euch gehaßt hat" und 15,20 "Denkt an das Wort das ich euch gesagt habe: Der Sklave ist nicht größer als der Herr. Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen; wenn sie an meinem Wort festhalten, werden sie auch an eurem festhalten." Eine heile Welt hat der Herr nicht angekündigt! Unser Kirchenoberhaupt, Papst Johannes Paulus, dieser große, ehrwürdige Mann steht einsam und allein gelassen, fest als moralische Instanz und bietet somit festen moralischen Halt für diejenigen, die an Gottes Wort festhalten wollen. Auf ihn kann man bauen, ihm kann man vertrauen, bei ihm kann man sich darauf verlassen, daß er Gott mehr gehorcht, als den Menschen, daß er seinen heiligen Willen erfüllt ohne Rücksicht auf seine eigene Person oder die Ehre Gottes aufs Spiel zu setzen. Er verharmlost nicht, nennt die Dinge beim Namen, geißelt die Sünde, nicht die Sünder, läßt aber keinen Zweifel daran, daß Jesus zwar gekommen ist die Sünder zu rufen, Lk 5,32, sie aber stets zur Umkehr aufgefordert hat. Zur Ehebrecherin sagte er: Joh 8,10 "Frau wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht" und fügte hinzu "Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!" Dies wird sehr oft vergessen!
Wie gut, daß da der Heilige Vater ein entscheidendes Wort mitzureden hat, daß er über ein so hohes Stehvermögen verfügt! Sicher wird er auch dann nicht kapitulieren, wenn Sie ihn von "Angesicht zu Angesicht" fragen.

Viele Frauen, die später bereuen, müssen erkennen, daß die Kirche sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten , vor diesem schwerwiegenden Schritt nicht bewahrt, sondern in sogar ermöglicht hat.
Somit fügt die kath. Kirche Deutschlands mit der Ausstellung des Beratungsscheins, der Legitimation zur straffreien Tötung ungeborenen Lebens, dem Unrecht, das die Kirche im Laufe ihrer Geschichte begangen hat, ein Neues hinzu. Spätere Generationen werden ihr vorhalten, daß sie ohne Notwendigkeit, ohne Repressionen befürchten zu müssen, nicht nur wie im Dritten Reich zu Unrecht geschwiegen, sondern daß sie freiwillig aktiv daran mitgewirkt hat.
Wenn die Kirche öffentlich Abtreibung verurteilt, sich aber andererseits unter dem Druck der modernden Gesellschaft daran beteiligt, handelt sie nicht anders wie vor 2000 Jahren Pilatus. Pilatus wusch demonstrativ seine Hände in Unschuld und doch wird niemand bestreiten, daß die Hinrichtung Jesu durch sein handeln legitimiert wurde. Er wollte nicht, daß Jesus getötet wird, wie die Kirche heute das Töten ungeborener Kinder nicht will, aber er damals wie u.a. die Kirche heute schaffen die Voraussetzung dafür, weil sie dem Druck der Menge, der Gesellschaft nicht standhalten. Ebensowenig wie Pilatus sich durch das Waschen seiner Hände von seiner Schuld befreien konnte, kann es heute die Kirche, wenn sie anders spricht als sie handelt. Eigentlich kann man da von Verantwortlichen der Kirche, von Bischöfen sagen: "Tut und befolgt also alles was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem was sie tun" Mt 23,3.

In Christi Namen bitte ich Sie, beugen Sie sich nicht dem Zeitgeist, lassen Sie sich nicht von Staat und Gesellschaft zu unrechtem Handeln unter dem Deckmäntelchen der (fragwürdigen) Humanität verleiten. Die Kirche hat Populismus nicht nötig!
Wie viele Frauen, die abtreiben, sind denn wirklich in Not? In Not, ja in Lebensgefahr befinden sich die unschuldigen ungeborenen Kinder. Machen Sie der Öffentlichkeit deutlich, was die Kirche bereits für Mutter und Kind in schwierigen Situationen leistet und noch zu leisten bereit ist. Verkünden Sie es lautstark, daß es vom Geschrei der Kirchengegener nicht übertönt werden kann. Die Kirche sollte ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen. Nennen Sie die Dinge und die Verantwortlichen, diejenigen die per Gesetzgebung die Rahmenbedingungen für Kinder und Familien geschaffen und dabei kläglich versagt haben, beim Namen. Halten Sie Ihre Beratungsstellen offen, bieten Sie den Frauen weiterhin Hilfe und ermutigen Sie sie und die ganze Gesellschaft Herausforderungen als gottgewollt anzunehmen, sich auf neue Situationen im Leben einzustellen und in Würde zu meistern. Sicher stärkt das die Selbstachtung der Betroffenen weit mehr als Selbstverwirklichung und Egoismen auf Kosten menschlichen Lebens. Aber stellen Sie bitte keine zum Töten unschuldiger Kinder berechtigende Scheine aus! Dulden Sie nicht, daß durch kirchennahe Organisationen oder gar im Namen der Kirche diese Scheine ausgestellt werden. Auch dann nicht, wenn die Kinder trotzdem getötet werden, weil sich die Frauen die Legitimation dafür woanders beschaffen. Das haben nicht Sie, das hat nicht die Kirche zu verantworten. Das haben die zu verantworten, die entsprechende Gesetze erlassen, die diese Scheine ausstellen, die die Abtreibung vornehmen und vor allem die Frauen und die auf sie Einfluß nehmenden Angehörigen selbst. Handeln Sie schnell und entschlossen, um den Schaden zu begrenzen.

Wenn Kirchenaustritte die Folge des Nichtausstellens dieser Scheine wären möchte ich zu Ihrem Trost und Ihrer Ermutigung auf die Rede Jesu über das Himmelsbrot in der Synagoge von Kafarnaum verweisen. Joh 6,66 "Daraufhin zogen sich viele Jünger zurück und wanderten nicht mehr mit ihm umher. Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt auch ihr weggehen?" Er nahm nichts von dem, was er vorher gesagt hat zurück, obwohl dies wirklich eine Zumutung war. Im Gegenteil, er fragte die Zwölf, seine engsten Vertrauten und Weggefährten ob auch sie weggehen wollen. Er blieb bei der Wahrheit, bei dem was er zu Recht gesagt hat und nahm damit in Kauf, daß seine Anhängerschaft klein wurde.
Diese Rede Jesu ließe sich auf viele Situationen der Kirche anwenden. Vielleicht würde sie sich, wenn sie sie mehr beachten würde, nicht so oft in die Defensive drängen lassen und so viele Zugeständnisse an die moderne Gesellschaft machen, durch die die Anerkennung der Kirche nicht zugenommen hat, ihr Ansehen nicht gestiegen ist, der Glaube nicht stärker geworden ist und die Kirchen nicht voller geworden sind. Das Gegenteil ist der Fall! 
Übrigens auch bei der evangelischen Kirche, obwohl soviel von dem was der kath. Kirche, vor allem als "Sündenbock" dem Papst, auch aus den eigenen Reihen vorgeworfen wird, auf sie nicht zutrifft. Sie zeigt uns: Um der Wahrheit, des Rechtes, der Gerechtigkeit willen müssen wir Beschimpfung, Verspottung, Ablehnung, Kirchenaustritte hinnehmen. Der Glaubwürdigkeit der Kirche wäre dies nur förderlich und das würde ihr auch wieder mehr Achtung einbringen. 

Ich wünsche Ihnen Gottes Segen und die Kraft des Heiligen Geistes bei Ihren Überlegungen, Ihrer Entscheidung und für Ihr persönliches Leben!

In Sorge um die Glaubwürdigkeit der Kirche, in Liebe und Verbundenheit mit ihr

grüße ich Sie

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Last update: 06. Februar 2001 14:14